Zu allen freundlich. Nur zu dir nicht. #14

Deine Freundin sagt das Treffen ab, weil sie erschöpft ist. Du schreibst sofort zurück: „Klar, ruh dich aus, das geht vor.“

Zwei Wochen später bist du selbst erschöpft. Du gehst trotzdem hin. Und auf dem Heimweg ärgerst du dich, dass du so müde warst.

Beide Male hast du nach deinen Werten gehandelt. Sie gelten nur nicht für dieselbe Person.

Gute Werte, eine Richtung

Rücksicht. Zuverlässigkeit. Bescheidenheit. Hilfsbereitschaft. Harmonie. Leistung. An keinem dieser Werte ist etwas falsch. Viele Menschen wären froh, wenn sie mehr davon hätten.

Auffällig ist etwas anderes. Alle zeigen nach außen. Es fehlen die Werte, die nach innen zeigen: Ruhe, Genuss, eigene Wünsche, das Recht, etwas nicht zu können.

Du hast gelernt, wie man für andere sorgt. Wie man für sich sorgt, stand nie auf dem Lehrplan.

Woher das kommt

In einer suchtbelasteten Familie orientieren sich viele Kinder an dem Elternteil, der alles zusammenhält. Dieser Elternteil lebt genau diese Werte vor: sich zurücknehmen, durchhalten, funktionieren. Kinder übernehmen das, so wie sie eine Sprache übernehmen.

Entscheidend ist, wie sie es lernen. In der Fachliteratur wird beschrieben, dass diese Werte selten aus eigener Erfahrung wachsen. Sie entstehen aus Anpassung. Wer rücksichtsvoll war, hatte Ruhe. Wer eigene Bedürfnisse zeigte, bekam Ärger oder ein schlechtes Gewissen.

Ein Wert, den du aus Angst befolgst, fühlt sich an wie eine Pflicht.

Daran kannst du den Unterschied prüfen. Einen eigenen Wert kannst du auch einmal aussetzen, ohne dass etwas in dir Alarm schlägt. Bei einem übernommenen meldet sich sofort Schuld.

Die Bremse fehlt

Wer so aufwächst, lernt in seiner Hilfsbereitschaft und Leistung nicht, auf die Grenzen der eigenen Kräfte zu achten.

Stell dir den Tacho eines Autos vor, bei dem die rote Zone fehlt. Du fährst und fährst, weil dir nicht anzeigt wird, dass es zu viel ist. Andere merken ihre Grenze, bevor sie sie erreichen.

Du merkst sie, wenn du krank im Bett liegst.

Woran du es heute erkennst

Du tröstest andere mit Sätzen, die du dir selbst nie sagen würdest.

Du gönnst allen eine Pause und musst dir deine erst verdienen.

Du bist großzügig mit fremden Fehlern und rechnest deine eigenen nach.

Wenn du etwas nur für dich tust, brauchst du einen Grund dafür.

Auf die Frage, was du dir wünschst, fällt dir zuerst ein, was andere brauchen.

Was es kostet

Die Autoren des Buches ”Die langen Schatten der Sucht” (Flassbeck & Barth, 2020) ziehen daraus einen Schluss, der hart klingt: Menschen mit so einseitig verteilten Werten kommen im Leben zwangsläufig zu kurz.

Sie funktionieren, oft sehr gut. Und sie brennen darüber aus, ohne dass Lebensfreude entsteht.

An zu wenig Einsatz liegt das sicher nicht, du tust genug für drei. Du kommst nur in deiner eigenen Rechnung nicht vor.

Eine Übung für diese Woche

Schreib drei Werte auf, die dir wichtig sind. Zum Beispiel:

Ich bin verlässlich. Ich bin geduldig. Ich bin für andere da.

Dann dreh jeden Satz um und mach eine Frage daraus.

1. Wo bin ich verlässlich für mich?

2. Wo bin ich geduldig mit mir?

3. Wann bin ich für mich da?

Lass die Fragen stehen, auch wenn dir nichts einfällt. Gerade dann.

Was du mitnehmen kannst

Du musst keinen deiner Werte aufgeben. Sie sind gut, und sie gehören zu dir.

Es reicht, wenn du dich selbst in die Liste der Menschen aufnimmst, für die sie gelten.

Welchen Satz sagst du anderen oft, den du selbst einmal hören müsstest?

Genau an dieser Stelle setzt meine Arbeit an. In der Selbstführung übst du, mit dir so zu

sprechen, wie du mit anderen sprichst. Wenn du das nicht allein herausfinden möchtest:

Das Erstgespräch dauert 20 Minuten und kostet nichts.

Freedom looks good on you.

Deine Marina

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Wem gehört diese Verantwortung? #13