Wem gehört diese Verantwortung? #13
Im Meeting fragt jemand, wer das Protokoll schreibt. Stille. Drei Sekunden vergehen, dann hörst du dich sagen: „Ich mach das.“ Niemand hat dich angeschaut. Niemand hat dich gebeten. Und trotzdem lag sie plötzlich bei dir, die Verantwortung. Obwohl du eigentlich genug anderes zu tun hast.
Ebenso lag es plötzlich bei dir, die Organisation des Geburtstags deiner Mutter zu übernehmen; die Stimmung beim Abendessen mit deinem Partner aufzulockern oder die vielen emotionalen Sprachnachrichten auszuhalten, die der Kollege sendet, der gerade eine schwere Zeit hat.
In einem meiner letzten Beiträge ging es um die Frage, wem ein Gefühl gehört.
Heute geht es um ihre Schwester: Wem gehört diese Verantwortung?
Woher die Tendenz einer übertriebenen Verantwortungsübernahme kommt?
In einer Familie, in der ein Elternteil durch eine Sucht immer wieder ausfällt, bleibt Arbeit liegen. Der Haushalt, die Erziehung und Betreuung jüngeren Geschwister, eigene Termine, manchmal die emotionale Stabilisierung des Elternteils selbst. Irgendjemand muss das auffangen. Sehr oft ist es ein Kind!
Dazu kommt das Lob. „Du bist schon so groß.“ „Auf dich kann man sich verlassen.“ Für ein Kind, das wenig Zuwendung bekommt, ist das viel. Also übernimmt es mehr.
Was dabei selten gesagt wird: Verantwortung zu übernehmen hatte für dich noch einen zweiten Zweck. Die Pädagogin Ulla Lambrou beschreibt, dass Kinder in solchen Familien die Dinge selbst in die Hand nehmen, weil es ihre Angst mindert.
Wer handelt, fühlt sich weniger ausgeliefert.
Helfen war leichter auszuhalten als Zusehen (Ohnmacht).
Das erklärt, warum es dir bis heute so schwerfällt, etwas liegen zu lassen. Dein Verstand weiß, dass das Protokoll auch jemand anderes schreiben könnte. Dein Körper kennt nur die drei Sekunden Stille, und die fühlen sich an wie früher. UNAUSHALTSAM.
Warum sie niemand sieht, die Verantwortung!
In dem Fachbuch, mit dem ich gerade arbeite, steht ein Satz, den ich mir angestrichen habe: Verantwortung ist eine unsichtbare psychologische Variable (Flassback & Barth, 2020).
Einen vollen Schreibtisch sieht man.
Verantwortung sieht man nicht.
Niemand merkt, dass du an alles denkst, also nimmt es dir auch niemand ab.
Sichtbar wird sie erst im Körper: im Nacken, der nie locker wird, im Kopfschmerz am Montagabend, in einer Müdigkeit, die kein Urlaub auflöst.
Woran du sie heute erkennst
Du denkst für andere mit, auch wenn sie erwachsen sind.
Du entschuldigst dich für Dinge, die nicht in deiner Hand lagen.
Wenn etwas schiefgeht, prüfst du zuerst, was du übersehen hast.
Hilfe anzunehmen fällt dir schwerer, als sie zu geben.
Wenn du einmal nichts übernimmst, fühlst du dich schuldig.
Alles oder nichts
Die Autorin Janet Woititz hat beobachtet, dass erwachsene Kinder aus Suchtfamilien oft zwischen zwei Polen leben: Sie tragen alles, oder sie geben ganz auf.
Vielleicht kennst du beides.
Momente, in denen du für alle da bist, und dann den Abend, an dem du das Handy ausschaltest und niemanden mehr sehen willst.
Das zweite ist die Rechnung für das erste.
Dazwischen liegt etwas, das dir vermutlich niemand beigebracht hat: WÄHLEN, wofür du zuständig bist.
Eine Übung für diese Woche
Wenn du das nächste Mal spürst, dass ein „Ich mach das“ auf deiner Zunge liegt, zähl innerlich bis drei. Dann stell dir drei Fragen.
1. Hat mich jemand gefragt?
2. Was passiert, wenn ich es nicht tue?
3. Wem gehört das eigentlich?
Du musst danach nichts anders machen. Es reicht, wenn du einmal bemerkst, dass zwischen der Stille und deinerAntwort Platz ist.
Was du mitnehmen kannst
Dass du Verantwortung tragen kannst, ist eine Stärke. Sie bleibt dir. Neu ist nur, dass du sie nicht mehr automatisch trägst.
Welche Verantwortung trägst du gerade, um die dich nie jemand gebeten hat?
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, wie viel das ist, und es dir einmal gemeinsam mit mir anschauen möchtest: Das Erstgespräch dauert 20 Minuten und kostet nichts.
Im nächsten Beitrag geht es um die Werte, mit denen du groß geworden bist, und um die Frage, warum sie für alle gelten außer für dich.
Freedom looks good on you.
Deine Marina