Wenn Sucht ein Familienmitglied war
Systemische Begleitung für erwachsene Kinder aus suchtbelasteten Familien
Es gibt Kindheiten, über die man nicht spricht. Nicht, weil sie besonders dramatisch waren — sondern weil es dafür keine Worte gab.
Vielleicht war da Alkohol. Vielleicht Medikamente, Arbeit, Essen, Glücksspiel. Vielleicht wurde es nie benannt, und alle taten so, als sei es normal. Vielleicht war es phasenweise auch wirklich gut.
Und genau das macht Sucht so schwer zu greifen.
Was von all dieser kindlichen Prägung wirkt heute noch?
Du bist erwachsen. Objektiv hat sich vieles verändert. Und trotzdem:
Fühlst du dich schuldig, wenn ein Partner, eine Freundin, ein Kollege schlecht gelaunt ist - auch wenn du nichts damit zu tun hast?
Prüfst du automatisch, ob du “schuld” bist, bevor du überhaupt geprüft hast, was eigentlich passiert ist?
Hältst du dich für verantwortlich, das Glück anderer Menschen herzustellen - nicht als Nebenwirkung von Liebe, sondern als deine eigentliche Aufgabe?
Du übernimmst Verantwortung, bevor jemand fragt?
Du bist ruhig, wenn andere in Panik geraten — und weißt nicht, wohin mit dir, wenn nichts los ist?
Du sagst ja und meinst nein? Nach einem Nein fühlst du dich tagelang schuldig?
Du ziehst dich zurück, wenn es eng wird, und nennst es Selbstständigkeit?
Du erkennst sofort, wie es anderen geht — und brauchst bei dir selbst erstaunlich lange?
Du hast das Gefühl, immer ein bisschen mehr leisten zu müssen als nötig?
Das ist keine übertriebe Empathiefähigkeit.
Das ist eine Rolle, die dir zugewiesen wurde, bevor du alt genung warst, sie abzulehnen.
Ein Hinweis dazu: Es gibt im Internet viele Listen mit Merkmalen von erwachsenen Kindern aus Suchtfamilien. Die bekannteste stammt aus dem Jahr 1978 und aus der Selbsthilfe, nicht aus der Forschung. Sie ist kein Test, und Untersuchungen zeigen, dass sich auch Menschen ohne diese Geschichte darin wiederfinden.
Ihr Wert liegt woanders: Für viele war sie das Erste, wo sie Worte gefunden haben für etwas, das jahrzehntelang namenlos war. Lies solche Listen deshalb nicht als Urteil, sondern als Angebot. Nimm, was resoniert. Lass liegen, was nicht passt.
Was davon hast du bisher für einen Charakterzug von dir selbst gehalten?
Die drei Regeln
In fast allen suchtbelasteten Familien gelten drei ungeschriebene Regeln. Niemand hat sie beschlossen. Alle halten sich daran.
Rede nicht. Über das Eigentliche wird nicht gesprochen — drinnen nicht und draußen erst recht nicht.
Fühle nicht. Gefühle stören eine Ordnung, die ohnehin fragil ist.
Vertraue nicht. Versprechen wurden gebrochen. Also verlässt man sich nur auf sich selbst.
Diese drei Sätze erklären fast alles, was später schwerfällt. Und sie erklären auch, warum es sich so falsch anfühlt, jetzt darüber zu lesen.
Zahlen, Daten, Fakten
In Deutschland leben rund 3,9 Millionen Erwachsene mit einer alkoholbezogenen Störung. Etwa acht Millionen Angehörige sind mitbetroffen. Zwei bis drei Millionen Kinder wachsen gerade in einer suchtbelasteten Familie auf.
Man geht davon aus, dass etwa 30 bis 40 Prozent dieser Kinder später selbst eine Abhängigkeit entwickeln, ein weiteres Drittel andere psychische Belastungen zeigt — und etwa ein Drittel weitgehend unbelastet bleibt.
Ich nenne die letzte Zahl bewusst mit. Eine Statistik beschreibt Gruppen. Sie hat noch nie einen einzelnen Menschen beschrieben und schon gar nicht seine Zukunft.
Wenn nichts davon deine Schuld war — was ändert das an dem, was du dir bis heute vorwirfst?
Diese Verantwortung war nie deine. Sie fühlt sich nur so an.
Die Sucht eines Elternteils war nie eine Aufgabe, die an dich verteilt wurde, weil du kompetent genug warst, sie zu lösen.
Sie war eine Krankheit, die sich nicht durch das Verhalten eines Kindes beeinflussen lässt - nicht durch bessere Noten, nicht durch Stillsein, nicht durch perfektes Funktionieren.
Das zu wissen verändert nicht sofort, wie es sich anfühlt. Aber es ist der Punkt, an dem Veränderung überhaupt erst möglich wird: nicht Schuld loswerden, die real war - sondern die Schuld hinterfragen, die dir nie gehört hat.
Für wen eignet sich diese Begleitung?
Dieses Angebot richtet sich an Erwachsene,
die in einer Familie aufgewachsen sind, in der Sucht den Alltag bestimmt hat,
die sich für das Glück oder die Stimmung eines Elternteils verantwortlich gefühlt haben,
die Schuldgefühle kennen, die sich nie klar benennen lassen,
die Schwierigkeiten haben, Scham von Schuld zu unterscheiden
die früh gelernt haben, für andere da zu sein, bevor sie lernen durften, für sich selbst zu sorgen,
die bereits viel reflektiert haben und trotzdem das Gefühl haben, dass etwas tiefer liegt,
die verstehen möchten, welche Verantwortung wirklich zu ihnen gehört - und welche nicht.
Ablauf
Was du aus der Begleitung mitnehmen kannst
Nach unserer gemeinsamen Arbeit hast du häufig…
✓ ein klareres Verständnis, welche Verantwortung wirklich zu dir gehört
✓ die Fähigkeit, Scham von Schuld zu unterscheiden
✓ mehr Klarheit über die Rolle, die du in deiner Familie übernommen hast
✓ mehr Sicherheit darin, dich nicht mehr für das Glück anderer verantwortlich zu fühlen
✓eine klarere Vorstellung davon, welche familiären Regeln du heute bewusst hinter dir lassen möchtest.
✓ mehr innere Ruhe und Vertrauen in dich selbst
Die Ergebnisse sind individuell und hängen von deinem persönlichen Anliegen sowie deinem Prozess ab.
Wenn du für einen einzigen Tag nicht für das Glück von irgendjemand anderem zuständig wärst - was würdest du an diesem Tag tun, das du sonst nie tust?
Was passiert ist, lässt sich nicht ungeschehen machen.
Aber es lässt sich verstehen. Und manchmal verändert genau das den Blick auf die Gegenwart.
Wenn du beginnst zu erkennen, welche Verantwortung dich geprägt hat, entsteht etwas Neues:
Nicht Schuld. Nicht Vorwürfe. Sondern Wahlmöglichkeiten.
Denn erst wenn wir verstehen, was wirklich unsere Aufgabe war - und was nicht - können wir bewusst entscheiden, wie viel davon wir weiterhin tragen wollen.
Nimm dir weitere Impulse und Gedanken mit
Auf Instagram spreche ich über Scham, Beziehungen und über die oft unbewussten Muster, die entstehen, wenn wir gelernt haben, uns selbst kritisch zu betrachten, anzupassen oder Teile von uns zurückzuhalten.
Erkenne, was in dir wirkt.
Gestalte, was vor dir liegt.
In meiner Begleitung schauen wir gemeinsam darauf, was in dir wirkt - damit Scham, Schuld und Angst nicht länger unbemerkt darüber entscheiden, wie du dein Leben gestaltest.