Die Kinder, die auffällig unauffällig sind #9

In meinen Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe und später als Gutachterin für Familiengerichte habe ich viele Familien von innen gesehen. Nicht ihre Sonntagsversion, sondern das, was tatsächlich zu Hause passiert.

Dabei ist mir irgendwann ein Muster aufgefallen, das nichts mit den Kindern zu tun hatte, über die alle sprachen.

In Fallbesprechungen ging es fast immer um die Lauten. Um die, die die Schule schwänzen, die ausrasten, die Sachen kaputt machen. Das ist nachvollziehbar: Sie sind sichtbar, sie erzeugen Handlungsdruck, sie machen Termine nötig.

Daneben saß regelmäßig noch jemand. Meistens am Rand. Sehr höflich. Erstaunlich erwachsen für sein Alter. Ein Kind, das keine Umstände machte, die Fragen der Erwachsenen sinnvoll beantwortete — und das man am Ende des Termins fast vergessen hatte.

Diese Kinder habe ich irgendwann die auffällig Unauffälligen genannt.

Sie fielen nicht auf, weil sie funktionierten. Und sie funktionierten, weil das zu Hause jemand tun musste.

Was in solchen Familien tatsächlich passiert

Aus systemischer Sicht ist eine Familie kein Nebeneinander von Einzelpersonen, sondern ein System, das nach Stabilität strebt. Das gilt für belastete Familien genauso — vielleicht sogar stärker.

Wenn eine Suchterkrankung im Spiel ist, ordnet sich das System um sie herum. Der Familienforscher Peter Steinglass hat das früh beschrieben: Tagesabläufe, Rituale, Feiertage, Gesprächsregeln — alles richtet sich nach diesem einen Zentrum aus. Nicht, weil jemand das so wollte. Sondern weil ein System, das aus dem Gleichgewicht gerät, nach dem nächsten Gleichgewicht sucht. Auch wenn es ein teures ist.

Damit das funktioniert, werden Aufgaben verteilt — ohne dass jemals jemand darüber spricht. Eine hält alles zusammen. Einer stört und lenkt damit vom Eigentlichen ab. Eine bleibt unsichtbar und macht keine zusätzliche Arbeit. Einer sorgt dafür, dass wieder gelacht wird, wenn die Stimmung kippt.

Kinder in solchen Familien entwickeln deshalb oft keine freie Persönlichkeit, sondern eine Funktion.

Und das ist der entscheidende Punkt: Diese Funktion war nicht das Problem. Sie war die Lösung. Sie hat ein Kind durch eine Situation gebracht, die es sich nicht ausgesucht hat. Das Problem beginnt erst später — wenn sie weiterläuft, lange nachdem jemand ausgezogen ist.

Warum mich das nicht losgelassen hat

Diese Kinder vergisst man nicht. Man nimmt sie mit, auch wenn die Akte längst geschlossen ist.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich sie nicht nur deshalb so schnell erkannte, weil ich fachlich geschult war. Ich komme selbst aus einem suchtbelasteten Elternhaus.

Ich erzähle das knapp, weil es hier nicht um meine Geschichte gehen soll. Sondern weil es erklärt, warum ich heute mit genau dieser Gruppe arbeite: mit Erwachsenen, die als Kinder funktioniert haben und heute merken, dass das seinen Preis hatte.

Der Satz, den ich am häufigsten höre

„So schlimm war das bei uns doch gar nicht.“

Er ist selten ein Beweis. Meistens ist er ein Hinweis. Wer früh gelernt hat, niemandem zur Last zu fallen, prüft zuerst, ob das eigene Anliegen wichtig genug ist — und diese Prüfung fällt fast immer negativ aus.

Wofür hast du dich als Kind verantwortlich gefühlt, obwohl es nie in deiner Macht stand?

Du musst diese Frage heute nicht beantworten. Es reicht, sie einmal wirklich zuzulassen.

Im nächsten Beitrag geht es um die drei Regeln, die in solchen Familien fast immer gelten — und daran, woran du sie heute noch erkennst.

Freedom looks good on you - Deine Marina

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Scham,Schuld und Sucht #8