Scham,Schuld und Sucht #8
Scham hat viele Gesichter. Eines davon trägt einen Namen.
Seit ich diesen Blog schreibe, dreht sich fast alles um ein Gefühl: Scham.
Nicht als kurzer Moment des Errötens, sondern als leise, tief verinnerlichte Vorstellung — „So wie ich bin, könnte ich falsch sein.“
Dieses Gefühl zeigt sich auf viele Arten. In Anpassung. In Perfektionismus. In dem Bedürfnis, es allen recht zu machen. Ich habe lange darüber geschrieben, ohne nach der Herkunft zu fragen — weil Scham unabhängig davon wirkt, woher sie kommt.
Aber irgendwann reicht das nicht mehr aus.
In meiner Arbeit begegnet mir immer wieder eine bestimmte Form dieser Scham — eine, die sich von anderen unterscheidet, nicht in der Intensität, sondern im Ursprung. Sie entsteht dort, wo ein Kind in einem Zuhause aufwächst, in dem Alkohol das Gleichgewicht bestimmt.
Diese Scham hat eine eigene Logik. Sie sagt nicht nur: Ich bin nicht gut genug. Sie sagt: Wenn ich gut genug gewesen wäre, wäre es vielleicht nicht so gekommen.
Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Die meisten Formen von Scham, über die ich bisher geschrieben habe, drehen sich um das eigene Sosein.
Diese Form dreht sich zusätzlich um eine Verantwortung, die nie zu tragen war — für das Verhalten eines Erwachsenen, das sich durch kein kindliches Verhalten hätte beeinflussen lassen.
Ich schreibe jetzt bewusster über dieses Thema, weil ich es in meiner Arbeit zu oft sehe, um es weiterhin nur am Rande zu erwähnen. Erwachsene, die sich für die Stimmung, das Trinken, das Glück eines Elternteils verantwortlich gefühlt haben — und die diese Verantwortung bis heute tragen, obwohl sie nie ihre war.
Das bedeutet nicht, dass sich mein Blick auf Scham verändert hat. Es bedeutet, dass ich eine bestimmte Wurzel davon jetzt konkreter benenne, statt sie in der allgemeinen Beschreibung verschwinden zu lassen.
Wenn du in einem Zuhause aufgewachsen bist, das von Alkohol geprägt war: Das, was du als Scham kennst, hat vermutlich diese besondere Note. Nicht nur „ich bin falsch“, sondern „ich hätte es verhindern müssen“.
Beides ist Scham. Aber nur eines davon lässt sich mit derselben Frage auflösen wie die andere.
Deshalb wird dieses Thema ab jetzt einen eigenen, deutlicheren Platz in meiner Arbeit haben — nicht als neue Richtung, sondern als genauerer Blick auf etwas, das schon immer dazugehört hat.
Zu erkennen, woher dieses Gefühl stammt, ist der erste Schritt. Er erklärt, aber er verändert noch nichts. Die eigentlich interessante Frage kommt danach: Was wird möglich, wenn du eine Verantwortung, die nie deine war, nicht mehr automatisch trägst?
Freedom looks good on you
Selbstführung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, keine Reaktion mehr zu haben, wenn eine alte Situation wieder auftaucht. Es bedeutet, die Reaktion zu bemerken - und trotzdem selbst zu entscheiden, was als Nächstes passiert.
In der systemischen Familientherapie nennt man diese Fähigkeit Differenzierung: mit der eigenen Familie und ihrer Geschichte in Verbindung bleiben, ohne von ihrer Anspannung überschwemmt zu werden. Nicht Distanz um jeden Preis. Sondern ein eigener Standpunkt, der auch dann hält, wenn das System um dich herum in Unruhe gerät.
Innere Freiheit heißt hier nicht: Die alten Verantwortung ist verschwunden-
Sie heißt: Du merkst sie, wenn sie sich meldet - und du folgst ihr nicht mehr automatisch.
Der Unterschied liegt oft nicht darin, was du tust - nach außen ist die Handlung manchmal dieselbe. Der Unterschied liegt darin, wer gerade entscheidet: das Kind von damals, das versucht hat, alles zusammenzuhalten. Oder du, heute, mit einer Stärke und Klarheit, den du damals nicht haben konntest?
Selbstführung bedeutet dann: Ich darf die Verantwortung für das Glück anderer ablegen, ohne die Liebe zu ihnen aufzugeben.
Innere Freiheit bedeutet: Ich darf mich selbst über mein Verhalten und meine emotionalen Reaktionen bestimmen, auch wenn das System, aus dem ich komme, sich davon nicht immer verstanden fühlt.
Das ist kein einmaliger Zustand, den man erricht und dann beibehält. Es ist eine Übung - jeden Tag neu, in kleinen Momenten.
Erkenne was in dir wirkt - Gestalte was vor dir liegt.
Freedom looks good on you - Deine Marina