Rede nicht. Fühle nicht. Vertraue nicht #10
In Familien, in denen eine Sucht den Alltag bestimmt, gelten fast immer dieselben drei ungeschriebenen Regeln. Niemand beschließt sie. Niemand erklärt sie. Alle halten sich daran.
Sie erklären einen großen Teil dessen, was später schwerfällt — und sie erklären auch, warum es sich beim Lesen unangenehm anfühlen kann, als würde man gerade etwas verraten.
Erste Regel: Rede nicht
Über das Eigentliche wird nicht gesprochen. Nicht drinnen, wo alle es wissen. Und draußen schon gar nicht.
Woran du sie heute erkennst:
Du beantwortest Fragen über dich in erstaunlich allgemeinen Sätzen.
Du erzählst von schwierigen Dingen erst, wenn sie vorbei sind.
Du glaubst, es würde andere belasten, wenn du offen wärst.
Wenn jemand nachfragt, wechselst du das Thema — meistens, ohne es zu merken.
Systemisch betrachtet war dieses Schweigen keine Feigheit, sondern Loyalität. Ein Kind, das nach außen schweigt, schützt die Familie. Ein Kind, das nach innen schweigt, schützt den fragilen Frieden. Beides war ein Beitrag zur Stabilität.
Zweite Regel: Fühle nicht
Gefühle stören eine Ordnung, die ohnehin wacklig ist. Wer weint, provoziert. Wer wütend wird, eskaliert. Wer sich freut, kann enttäuscht werden.
Woran du sie heute erkennst:
Auf die Frage, wie es dir geht, kommt eine erstaunlich lange Pause.
Du weißt sofort, wie es allen anderen geht.
Gefühle kommen nicht einzeln, sondern als Block: angespannt, irgendwie schlecht, leer.
In Krisen funktionierst du gut — und brichst ein, wenn sie vorbei sind.
Das ist keine Kälte und keine Beziehungsunfähigkeit. Es ist das Gegenteil. Du hast früh sehr genau gespürt, was um dich herum passiert — und irgendwann eine Tür geschlossen, weil du es sonst nicht ausgehalten hättest. Türen, die man geschlossen hat, kann man wieder öffnen.
Dritte Regel: Vertraue nicht
Versprechen wurden gebrochen. Nicht aus Bosheit — aber verlässlich unzuverlässig. Wer das früh lernt, verlässt sich nur noch auf sich selbst.
Woran du sie heute erkennst:
Du machst Dinge lieber selbst, weil sie dann sicher erledigt sind.
Du rechnest innerlich mit der Absage, bevor sie kommt.
Nähe fühlt sich schön an und gleichzeitig riskant.
Andere bewundern deine Selbstständigkeit — und manchmal ist sie sehr einsam.
Was die drei gemeinsam haben
Alle drei waren einmal klug. Sie haben funktioniert. Das Problem ist nicht, dass es sie gibt — sondern dass sie weitergelten, obwohl die Situation längst vorbei ist. Sie wurden nie aufgehoben, weil sie nie ausgesprochen wurden.
Genau deshalb beginnt Veränderung hier fast immer damit, dass jemand zum ersten Mal etwas sagt.
Welche der drei Regeln gilt bei dir heute am stärksten?
Im nächsten Beitrag wird es praktisch: zwei Übungen, die helfen, eigene Gefühle wieder von denen anderer zu unterscheiden.
Freedom looks good on you - Deine Marina