Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…#5

Diesen Satz habe ich in meiner Kindheit oft gehört.

Ich wusste ziemlich genau, was danach nicht mehr ausgesprochen werden musste.

Ich war das Kind. Mein Vater war der Erwachsene. Er entschied.

Heute kann ich diesen Satz differenzierter betrachten. Als Psychologin weiß ich: Kinder brauchen Führung. Eltern müssen Grenzen setzen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.

Und trotzdem habe ich diesen Satz damals nicht als Führung erlebt.

Ich habe ihn als Macht erlebt.

Nicht: Ich bin verantwortlich und gebe dir Orientierung.

Sondern eher: Solange du von mir abhängig bist, bestimme ich.

Das hat mich häufig ohnmächtig gemacht.

Wenn Führung und Gehorsam miteinander verschwimmen

Kinder sind auf ihre Bezugspersonen angewiesen. Sie können eine Beziehung nicht einfach verlassen, wenn ihnen etwas nicht gefällt.

Deshalb entwickeln sie Möglichkeiten, mit Autorität umzugehen.

Manche passen sich an. Sie lernen, Stimmungen zu lesen, Konflikte zu vermeiden und lieber Ja zu sagen.

Andere gehen in Widerstand. Sie widersprechen, kämpfen um Autonomie und reagieren empfindlich darauf, wenn jemand ihnen sagt, was sie tun sollen.

Beides kann einmal sinnvoll gewesen sein.

Und beides kann uns später begleiten.

Dann sitzt du mit 40 vor deinem Chef, einer Ärztin, deinen Eltern oder deinem Partner – und plötzlich reagierst du nicht nur auf das, was gerade passiert.

Du wirst klein. Erklärst dich. Stimmst zu, obwohl du Nein meinst.

Oder du gehst sofort dagegen. Nicht unbedingt, weil die andere Person unrecht hat, sondern weil Nachgeben sich verdächtig nach Unterwerfung anfühlt.

Anpassung und Rebellion sind nicht automatisch Freiheit

Das finde ich heute besonders spannend:

„Ich mache, was man von mir erwartet“ und „Ich lasse mir von niemandem etwas sagen“ können zwei Antworten auf dieselbe Erfahrung sein.

In beiden Fällen bestimmt das Gegenüber noch mit, wie ich mich verhalte.

Freiheit entsteht für mich deshalb nicht dadurch, grundsätzlich Nein zu sagen.

Freiheit entsteht dort, wo ich wieder wählen kann.

Stimme ich zu, weil es für mich stimmt – oder weil ich Angst vor Ablehnung habe?

Widerspreche ich, weil etwas tatsächlich gegen meine Werte geht – oder weil Nachgeben sich für mich nach Kontrollverlust anfühlt?

Manchmal ist meine eigene Stimme ein Nein.

Manchmal ein Ja.

Und manchmal ein: Ich weiß es noch nicht, ich brauche noch Zeit.

Vielleicht bedeutet Erwachsensein genau das:

Ich kann Autorität anerkennen oder ihr widersprechen, ohne dabei meine eigene Stimme abzugeben.

Und vielleicht sieht Freiheit manchmal genau so unspektakulär aus.

Freedom looks good on you - Deine Marina

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Nachbars-Augen: Wenn der vermeintliche Blick der anderen zum inneren wird #4