“Sei nicht so zickig” #6

Was passiert, wenn wir lernen, unserer eigenen Wut nicht mehr zu trauen?

„Sei nicht so zickig.“

Vielleicht kennst du diesen Satz aus deiner Kindheit. Vielleicht waren es bei dir andere Varianten: „Jetzt stell dich nicht so an.“ „Mach kein Drama.“ „Du bist aber empfindlich.“

Das Interessante an solchen Sätzen ist nicht nur, was gesagt wird – sondern was dabei leicht verloren geht.

Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, was dich eigentlich wütend gemacht hat.

Deine Wut selbst wird zum Problem.

Und bevor wir nur auf die Wirkung dieses Satzes schauen, lohnt sich auch der Blick auf die Situation, in der er entsteht.

Eltern sagen “Sie nicht so zickig” nicht zwangsläufig mit der bewussten Absicht, ihr Kind abzuwerten. Solche Sätze können gerade dann fallen, wenn Erwachsene selbst an ihre Grenzen geraten: weil sie erschöpft sind, mit dem Widerstand ihres Kindes gerade nicht gut umgehen können oder weil sie selbst nie gelernt haben, Wut und starke Gefühle anders zu begleiten. Systemisch betrachtet interessiert deshalb nicht nur der Satz selbst. Sondern auch: Was passiert gerade zwischen diesen Menschen?

Vielleicht versucht ein Elternteil in diesem Moment, eine Situation zu beruhigen, die es selbst nicht mehr gut regulieren kann? Die Absicht kann also eine andere sein als die Wirkung.

Denn ein Kind kann noch nicht unbedingt denken: “Papa ist gerade überfordert und findet keinen besseren Umgang mit meiner Wut.” Beim Kind kann etwa viel Einfacheres ankommen: “Meine Wut ist zu viel. Ich bin falsch. Wenn ich mich so zeige, bin ich schwierig und nicht mehr liebenswert.”

Und genau diese Unterscheidung ist wichtig: Die Überforderung der Eltern kann erklären, warum ein Satz fällt. Sie entscheidet aber nicht darüber, wie dieser Satz vom Kind erlebt wird.

Und irgendwann braucht es niemanden mehr, der den Satz sagt.

Ein einzelner Kindheitssatz bestimmt nicht, wie wir uns als Erwachsene verhalten. So einfach funktioniert unsere Psyche nicht.

Aber wiederkehrende Erfahrungen in Beziehungen können beeinflussen, wie wir unsere eigenen Gefühle einordnen und bewerten.

Aus einem äußeren:

„Sei nicht so zickig.“

kann irgendwann ein inneres werden:

„Ach, wahrscheinlich übertreibe ich.“

„So schlimm war es doch gar nicht.“

„Das war bestimmt nicht so gemeint.“

„Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich.“

Und genau das finde ich psychologisch spannend.

Vielleicht hast du gar nicht gelernt, deine Wut zu unterdrücken.

Vielleicht hast du gelernt, ihr nicht ganz zu trauen.

Dabei brauchen wir unsere Wut.

Nicht, um sie ungefiltert an anderen auszulassen.

Wut kann eine wichtige psychologische Funktion haben. Sie kann uns darauf aufmerksam machen, dass etwas nicht zu uns passt, eine Grenze berührt wurde oder Veränderung notwendig ist.

Und sie kann mobilisieren.

Für ein Nein.

Für ein längst überfälliges Gespräch.

Für eine Entscheidung.

Für einen neuen beruflichen oder privaten Weg.

Wut bedeutet nicht automatisch, dass du recht hast. Aber sie ist eine Information, die es wert ist, ernst genommen und eingeordnet zu werden.

Vielleicht brauchst du also nicht weniger Wut.

Vielleicht brauchst du einen anderen Umgang mit ihr.

Nicht:

Wut → „Ich bin schwierig.“

Sondern:

Wut → „Moment. Was passiert hier gerade in mir?“

Was macht mich wütend?

Worum geht es mir wirklich?

Welche Grenze, welches Bedürfnis oder welcher Wert wird gerade berührt?

Und was möchte ich als erwachsene Frau damit tun?

Das ist für mich Selbstführung!!!

Die Wut darf eine Stimme haben. Aber sie muss nicht das Steuer übernehmen.

Und vielleicht beginnt innere Freiheit genau dort: wenn du deine Gefühle weder blind ausagierst noch reflexartig abwertest – sondern wieder lernst, ihnen zuzuhören und selbst zu entscheiden.

Freedom looks good on you - Deine Marina

Wenn du merkst, dass du deine eigenen Bedürfnisse, Grenzen oder Gefühle häufig schneller infrage stellst als die Erwartungen anderer, ist genau das ein Thema, das wir in meiner Arbeit gemeinsam anschauen können.

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