Wem gehört dieses Gefühl? #11

Wer früh gelernt hat, Stimmungen zu lesen, spürt fremde Gefühle oft schneller als eigene. Und irgendwann unterscheidet man sie nicht mehr: Man geht angespannt aus einem Raum und weiß nicht, ob die Anspannung die eigene war.

Das ist keine Überempfindlichkeit. Es ist eine hochentwickelte Fähigkeit, die in einem unberechenbaren Zuhause überlebenswichtig war.

Sie hat nur einen Haken: Sie zeigt nach außen. Wir haben ein Radar gebaut, aber keinen Innenspiegel.

Zwei Übungen, die dabei helfen. Beide brauchen keine Begleitung und funktionieren im Alltag.

Die erste Frage: Wem gehört das gerade?

Stell sie in dem Moment, in dem etwas hochkommt:

Ist das gerade mein Gefühl — oder spüre ich das Gefühl von jemand anderem?

Die Antwort muss nicht sofort kommen. Die Frage allein erzeugt schon den Abstand, um den es geht. In der systemischen Arbeit nennt man das Differenzierung: Nähe zulassen, ohne sich darin zu verlieren.

Die zweite Frage: Was war davon je meins?

Überverantwortung ist das Muster, das im Alltag am meisten Kraft kostet — und das am schwersten auffällt, weil das Umfeld es meistens schätzt.

Nimm dir eine Situation aus den letzten Tagen, in der du etwas übernommen hast, ohne dass jemand dich darum gebeten hat. Dann zwei Fragen, schriftlich:

Was genau lag davon wirklich in meiner Verantwortung?

Was wäre passiert, wenn ich es nicht gemacht hätte?

Die zweite ist die wichtigere!!! Sie macht die unausgesprochene Katastrophenerwartung sichtbar, die hinter dem Übernehmen steht!! Aufgeschrieben fällt sie fast immer kleiner aus als im Gefühl.

Und eine Übung für sieben Tage

Fünf Minuten am Abend, zwei Spalten in ein Heft. Links: Wie ging es den Menschen um mich herum heute? Rechts: Wie ging es mir?

Keine Bewertung, keine Analyse, keine Absicht, etwas zu verbessern. Nur notieren.

Das Ergebnis vorweg: Bei den meisten Menschen ist die linke Spalte voll und die rechte besteht aus wenigen Wörtern. Das ist kein Scheitern an der Übung — das ist das Ergebnis. Und es sagt mehr über die vergangenen Jahrzehnte als jede Erklärung.

Freedom looks good on you - Deine Marina

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Rede nicht. Fühle nicht. Vertraue nicht #10