“Ab morgen mache ich wieder Diät” #7

Meine Mutter, die 90er und die Stimmen über meinen Körper, die vielleicht gar nicht meine eigenen sind.

Wenn ich an meine Kindheit in den 90ern denke, denke ich beim Thema Körper zuerst an meine Mutter.

Slimfast. Weight Watchers. Light-Produkte. Kohlsuppen-Diät. Erdbeer-Diät. Kohlenhydrate-Diät und so weiter und sofort. Meine Mutter machte Diäten. Nicht eine, nicht zwei. Sondern ständig.

Ihr Gewicht ging hoch und runter. Abnehmen. Zunehmen. Wieder abnehmen.

Ich erinnere mich dabei weniger an eine ausgewogene Ernährung und daran, dass Bewegung selbstverständlich zu ihrem Leben gehört hätte. Ich erinnere mich vielmehr an Diät als Zustand.

An dieses: Jetzt geh ich es an. Jetzt muss etwas weg.

Und dann waren da diese Otto-Kataloge. Seitenweise Frauen in Kleidern, Hosen, Röcken. Körper, an denen Kleidung scheinbar einfach gut aussah.

Meine Mutter blätterte darin und sah Dinge, die sie gerne getragen hätte. Manches blieb ein Wunsch.

Als Kind konnte ich noch nicht verstehen, was da eigentlich passierte.

Ich wusste nichts über Körperideale, Sozialisation oder die psychologische Bedeutung von Scham.

Aber ich habe zugesehen, beobachtet und mir einiges abgeguckt. Ich war halt ein Kind und Kinder lernen sehr viel, während sie einfach nur zusehen.

Meine Mutter war nicht allein mit ihrem Körperthema

Heute sehe ich meine Mutter anders.

Sie hatte drei Kinder geboren. Sie war Ehefrau und Mutter und gleichzeitig eine Frau in einer Gesellschaft, in der der weibliche Körper enorm viel darüber mitentscheidet, wie eine Frau wahrgenommen wurde (und immer noch wird).

Die psychologische Forschung widmete sich bereits in den 1990 Jahren diesem Druck.

1993 schrieb die Psychologin Judith Rodin über die intensive westliche Beschäftigung mit Gewicht und Aussehen. Attraktivität war mit sozialem Wert, Selbstwert und Erfolg verknüpft; der gesellschaftliche Druck auf Frauen, schlank zu sein, begünstigte eine starke Beschäftigung mit dem eigenen Körper und unterschiedlichste Versuche, Gewicht zu verlieren.

1996 bezeichneten die Soziologen John Germov und Lauren Williams Diäthalten sogar als eine so verbreitete weibliche Erfahrung, dass sie von einer “epidemic of dieting women” sprachen.

Körpergewicht wurde also nicht nur zu einer Frage von Schönheit, sondern zunehmend von Disziplin, Gesundheit und persönlicher Verantwortung.

Meine Mutter hat diese Regeln also nicht erfunden. Sie lebte jedoch mitten in ihnen.

Und vielleicht versuchte sie, mit ihrem Körper etwas zu lösen, das gar nicht ausschließlich in ihrem Körper lag.

Vielleicht sollte nicht nur ihr Körper leichter werden.

Diesen Gedanken kann ich heute als erwachsene Tochter zulassen. Was, wenn es bei all diesen Diäten nicht nur um Kilos ging?

Meine Mutter stand nach drei Geburten unter Druck. Da war ihr gesellschaftliches Ansehen als Frau. Ihre Ehe. Verantwortung. Erwartungen.

Und vielleicht - das ist meine heutige Interpretation, nicht etwas, das ich über ihr Inneres wissen kann - steckte in der Hoffnung auf einen anderen Körper auch die Hoffnung auf ein anderes Leben.

Wenn ich wieder schlank bin …

Vielleicht werde ich wieder begehrenswerter.

Vielleicht sieht mein Mann mich wieder anders.

Vielleicht verändert sich etwas zwischen uns.

Vielleicht übernimmt er mehr Verantwortung.

Vielleicht fühle ich mich endlich wieder als Frau und nicht nur verantwortlich für alle anderen.

Vielleicht kann ich das Leben dann endlich wieder genießen.

Mein systemischer Blick könnte bei Ihren Diätversuchen also etwas anderes sehen, als dass es dabei um das “Abnehmen” geht:

Manchmal versuchen wir, an einer Stelle im System etwas zu verändern, über die wir Kontrolle haben, wenn sich andere Teile kaum kontrollierbar anfühlen.

Eine Ehe kann ich nicht alleine reparieren.

Einen anderen Menschen kann ich nicht verändern.

Gesellschaftliche Erwartungen kann ich nicht einfach abschaffen.

Aber vielleicht kann ich meinen Körper verändern - Zumindest kann ich es versuchen. Um mich von der Unkontrollierbarkeit des eigenen Lebens abzulenken.

Und so bekommt die Diät möglicherweise noch eine zweite Funktion:

Kontrolle dort herzustellen, wo sich anderes im Leben nicht kontrollieren lässt.

Das ist eine mögliche Lesart meiner Familiengeschichte - keine Diagnose meiner Mutter.

Und während meine Mutter mit ihrem Körper beschäftigt war, saß ich daneben

Das ist der Teil, der mich heute besonders interessiert.

Denn meine Mutter musste mir nicht sagen: “Dein Körper ist falsch”. Das hab ich durch ihr Verhalten irgendwann selbst verstanden.

Und tatsächlich findet die Forschung Hinweise auf solche Prozesse zwischen Müttern und Töchtern.

Eine Studie zu Müttern und elfjährigen Töchtern untersuchte bereits in den 1990ern die Weitergabe von Einstellungen zu Gewicht und Diäten. Bei Mädchen mit stärker gezügeltem Essverhalten zeigten sich auch Unterschiede in mütterlichen Verhaltensweisen und in der wahrgenommenen Familienkohäsion. Ebenfalls zeigte eine Studie, dass Mütter, die sich stärker mit ihrem eigenen Gewicht und Essen beschäftigten, häufiger ihre Töchter beim Essen einschränkten und diese ermutigten abzunehmen.

Trotz aller Studien, heißt es nicht, dass eine diäthaltende Mutter zwangsläufig eine Tochter mit einem schwierigen Körperverhältnis hervorbringt. So einfach funktioniert Entwicklung nicht. Aber es bedeutet für mich:

Was eine Mutter mit ihrem eigenen Körper macht, findet nicht zwangsläufig nur zwischen ihr und ihrem Spiegel statt.

Ab hier kommt für mich der schmerzhafteste Teil der ganzen Geschichte:

Irgendwann brauchen wir die Stimme und das Verhalten unserer Mutter nicht mehr live mitzuerleben, wir haben es verinnerlicht und können diesen Film tagtäglich selbst abspielen.

In der Psychologie spricht man bei solchen Prozessen von Internalisierung.

Einstellungen, Normen und Bewertungen, die ursprünglich im sozialen Umfeld liegen, können Bestandteil der eigenen inneren Welt werden.

1997 beschrieb Barbara Fredrickson und Tomi-Ann Roberts: Wenn Frauen in einer Kultur leben, in der der weibliche Körper regelmäßig von außen betrachtet und bewertet wird, können sie diesen Blick innerlich selbst übernehmen(Objectification Theory)

Das Smartphone hat den Otto-Katalog ersetzt

Vielleicht habe ich nicht die Diäten meiner Mutter übernommen. Aber ich habe so einiges von ihrem inneren System übernommen.

Heute erkenne ich verschiedene Stimmen darin:

Die Kontrolleurin. Die Kritiker. Die Vergleicherin.

Heute blättern junge Frauen nicht mehr im Otto-Katalog. Sie brauchen nur ein Smartphone. Und darunter sitzt etwas viel Verletzlicheres. Ein Anteil, der irgendwann verstanden haben könnte:

“Wie ich als Frau aussehe, beeinflusst, wie ich gesehen werde” oder “Wie ich gesehen werde, beeinflusst, ob ich mich sicher, anerkannt und zugehörig fühle”.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, meine Mutter hat mein Verhältnis zu meinem Körper nicht verursacht. Aber mein Verhältnis zu meinem Körper ist in der Beziehung zu ihr und in einer bestimmten Zeit entstanden.

Was wir heute anders machen können

Wir können unsere Kindheit nicht umschreiben. Und wir müssen unsere Mütter auch nicht zur Verantwortlichen für jede Unsicherheit machen, die man heute mit dem eigenen Körper hat. Aber ich kann beginnen, mein inneres System kennenzulernen.

Wenn ich mich dabei ertappe, wie ich meinen eigenen Körper bewerte, kann ich mich fragen:

“Wer spricht da gerade?”

“Wovor möchte dieser Anteil mich eigentlich schützen?”

“Wie geht es mir gerade eigentlich wirklich und was kann ich kaum aushalten?”

Wenn ich mich dabei ertappe, wie ich mich vergleiche, kann ich innehalte und mich fragen:

“Bewundere ich die andere Person gerade und wenn ja, wofür? Oder überprüfe ich meinen eigenen sozialen Wert auf Grund von körperlicher Attraktivität?”

Und wenn ich vor dem Spiegel stehe, kann ich mich fragen:

“Schaue ich meinen Körper gerade wirklich mit meinen eigenen Augen an?”

“Oder sehe ich ihn durch einen Blick, den ich irgendwann übernommen habe?”

Ich denke, Veränderung bedeutet nicht, all diese Anteile loszuwerden. Sondern zu lernen, sie zu verstehen und zu verstehen woher diese Anteile kommen

Wir haben gelernt, dass ein weiblicher Körper bewertet wird.

Wir haben gelernt, dass Schlankheit Anerkennung bringen kann.

Wir haben gelernt, dass Kontrolle Sicherheit verspricht.

Wir haben gelernt, uns anzupassen.

HEUTE SIND WIR SELBST ERWACHSEN

Heute dürfen wir überprüfen, welche dieser alten Regeln noch zu unserem Leben passen und welche mit uns enden dürfen.

Vielleicht ist genau das ein Teil von innerer Freiheit:

Meine Mutter in mir erkenne und mit ihr Frieden zu schließen. Ihre Geschichte würdigen. Meine eigene verstehen. Und langsam herausfinden, wie sich mein Körper anfühlt, wenn ich ihn liebevoll anblicke.

Denn unser Körper ist nicht nur etwas, dass andere sehen. Er ist der Ort, von dem aus ich mein Leben leben.

Freedom looks good on you - Deine Marina

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